29. Juni 2026
Drogensucht bei Kindern und Jugendlichen. Was Schule bewirken kann.
Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Jedes Kind, jeder Jugendliche, der psychische Auffälligkeiten zeigt, ist ein Kind, ein Jugendlicher zu viel. Es gilt also alles daran zu setzen, psychische Auffälligkeiten zu verhindern. Genau: verhindern. Es geht nicht darum, möglichst viele Auffälligkeiten zu behandeln. Es geht darum, die Auffälligkeiten zu verhindern.
Die Ursachen für psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen werden gerne irgendwoanders gesucht. Eltern sagen, dass es falsche Freunde sind, die Schule sagt, dass es das Elternhaus ist. Eltern sagen, dass sie keine ausgebildeten Suchttherapeuten sind, Schulen sagen, dass sie keinen Erziehungsauftrag haben, die Schulsozialarbeit ist überfordert. Jugendämter führen Wartelisten und sind im Zweifelsfall nicht zuständig. Therapeuten und Kliniken führen ebenso Wartelisten. Und die Kinder und Jugendlichen? Die bleiben schlicht auf der Strecke.
Der Spiegel veröffentlichte hinter einer Paywall unter dem Titel »Ich ging regelmäßig ins Zimmer meines Sohnes und schaute, ob er noch atmete« [€] ein ausführliches Interview mit einer Mutter von zwei drogensüchtigen Kindern. Der Text hat mich aufgerüttelt. Denn er beschreibt an einem Beispiel recht gut, dass die Ursachen komplex sind. Er beschreibt aber auch recht gut, dass es durchaus Lösungsmöglichkeiten gibt.
In einem früheren Blogbeitrag kann man nachlesen, dass es Studien darüber gibt, welchen Einfluss Schule auf das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen hat. Dabei kommt ganz klar zum Ausdruck: Schule hat einen großen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen.
Wir wissen schon ziemlich viel über die Ursachen von Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen. Dabei spielt neben genetischen Komponenten das psychosoziale Umfeld eine große Rolle. An der Genetik können wir schlecht drehen. An der mentalen und kognitiven Grundausstattung der Eltern könnten wir etwas tun. Das wäre sogar wichtig. Eltern könnten schon viel früher aufgeklärt und unterstützt werden. Das hört sich vielleicht blödsinnig an. Schließlich handelt es sich bei den meisten Eltern um erwachsene und mündige Menschen, die selbständig entscheiden dürfen, ob sie selbst Drogen konsumieren und welche Prägung sie ihren Kindern mitgeben wollen. Die erwachsenen Menschen haben Zugang zu allen möglichen verfügbaren Informationen. Weshalb sollten wir sie also auch noch ausbilden gute Eltern zu sein? Ich würde sagen, dass dies ausgesprochen wirkungsvoll wäre. Ich rede selbst gelegentlich mit Eltern und mittlerweile kann ich auch den ein oder anderen Verhaltenshinweis geben oder auf Zusammenhänge hinweisen. Ich gebe aber zu: der Einfluss dieser Maßnahme ist derzeit eher begrenzt. Tiktok und Insta tun da ihren zerstörerischen Dienst ...
Das Ergebnis ist, dass wir in Kindertagesstätten und Schulen Kinder sehen, denen gewisse Werkzeuge fehlen. Es fehlen ihnen wichtige Werkzeuge, die sie für das spätere Leben gut brauchen können. Das sind diese berühmten Buzzwörter wie Selbstverantwortung, Selbstwirksamkeit, Selbstregulation und all sowas. Und nein, diese Skills lassen sich weder rein prügeln noch erzwingen noch per Ermahnung in die Kinder rein bringen. Diese lebenswichtigen Fähigkeiten müssen intrinsisch erlernt werden wie laufen und sprechen. Es muss Räume dafür geben, ich meine soziale Räume. Orte, an denen die Kinder Vorbilder in allen Altersstufen erleben können, mit ihnen interagieren und lernen können. Es gibt dort möglichst wenig Regeln. Es gibt viel Wohlwollen, Empathie und Freiraum. So können Kinder Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit lernen. Und nur mal am Rande: Kinder wollen genau dies lernen. Dazu sind sie da. Dafür ist die Kindheit da. Jedes pädagogische Spielzeug stört diesen Prozess, weil Kinder von Natur aus empathisch sind. Wir müssen Kinder vor allem vor schädlichen Einflüssen fern halten damit sie gesund und stark werden. Schädlich erweisen sich alle Glaubenskonstrukte, Religion, Esoterik und Erziehung. Gelegentlich hört man von Erwachsenen "Kinder müssen ..." und dann kommt ein Haufen Unfug wie Ordnung lernen, Bitte und Danke sagen, sich ihre Schuhe anziehen und essen was auf den Tisch kommt. Kinder müssen nur eines: Kind sein. Vertraut mir. Ich weiß es.
Gleiches gilt für die Schule. Wenn nun Kinder mit Vorschäden in eine Schule kommen, in der das Wohlbefinden von Kindern nichts zählt, werden sich die Schäden manifestieren, verfestigen. Dann sagen die Schulverantwortlichen: "dafür können wir nichts. Das Kind wurde schon im Elternhaus geschädigt". Und da sage ich: nein Freunde! Wohlbefinden geht vor Leistung. Wir können Schulen so gestalten, dass sie für Kinder und Jugendliche zum Wohlfühlort werden. Es lohnt sich. Ein drogensüchtiges Kind ist für die Gesellschaft so richtig teuer. Es würde sich volkswirtschaftlich lohnen, in das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu investieren. Es würde sich lohnen Lehrerinnen und Lehrer in der Art und Weise auszubilden, dass sie wohlwollend und wertschätzend mit Kindern und Jugendlichen umgehen anstatt demütigend und bedrohrend. Es würde sich lohnen, Lehrerinnen und Lehrer zu evaluieren und weiterzubilden.
Die Aussage der betroffenen Mutter Mandy Rohde-Schmid im Spiegel-Interview ist auch von dieser Seite eindeutig:
Mir ist nicht mehr der Schulabschluss wichtig, sondern dass sie ohne Drogen glücklich werden kann.
Zufriedenheit ist wichtiger als Karriere.
Das Hin- und Hergeschiebe von Schuld muss ein Ende haben. Wir müssen hinschauen und jeder muss sein Möglichstes tun, um die Situation für Kinder und Jugendliche gut zu machen.
Packen wir's an. Schule geht besser.