11. Januar 2026
Gespräch unter KollegInnen abgehört
Ich gebe es zu, die Überschrift hört sich sehr reißerisch an. Es stimmt so nicht ganz. Ich war dabei. Die GesprächsteilnehmerInnen wussten das. Aber es war interessant. Für mich. Vielleicht auch für euch.
Die eine KollegIn ist eine LehrerIn des örtlichen Gymnasiums. Nennen wir sie/ihn mal Chris. Chris unterrichtet unter anderem Englisch. Den/die andere KollegIn nennen wir mal Alex. Alex unterrichtet Französisch und Russisch an einer IGS, was so viel wie Integrierte Gesamtschule bedeutet. Alex ist deutlich älter als Chris. Alex ist der Ansicht, dass die SchülerInnen früher viel besser gewesen sind, dass sie mehr gelernt hätten, dass sie noch Autoritäten akzeptiert hätten und dass die Eltern heute ihre Kinder nicht mehr erziehen würden ... all sowas - ihr wisst schon. Chris hielt immer wacker dagegen. Nein, sagte Chris, das stimmt nicht. Er/Sie hätte erst neulich die alten Unterlagen aus der Schulzeit hervorgezogen und geschaut, was denn früher so in Englisch gelernt wurde. Das wäre heute deutlich fortschrittlicher und anspruchsvoller. Darauf sagte Alex, dass die Schüler heute auch in der Freizeit nichts mehr machen würden. Chris sagte, das stimme so nicht. Die heutige Ganztagsschule wäre schon sehr fordernd und anstrengend, zumal es keine geeigneten Aufenthaltsräume gebe, um auch einmal eine Pause einzulegen. Es ging immer hin und her. Es ging auch um die Schulform. Alex sagte, dass ein Kollege nicht einmal mehr Holzarbeiten machen würde, weil dort ja Sägen benutzt würden und dann mit den Sägen Unfug gemacht werden würde. Chris meinte dann, dass das möglicherweise auch an der Schulform liegen würde. Alex jammerte auch darüber, dass immer mehr Quereinsteiger im Schuldienst tätig wären, die ja auch keine Disziplin vermitteln könnten. Und ändern könnte man ja eh nichts, das würde allein der Föderalismus verhindern.
Es ist schwer in diesem Text die ganze Tragik der Unterhaltung zum Ausdruck zu bringen. Daher gebe ich hier mal meine persönliche Einschätzung ab. Alex vergleicht ihre heutige Situation mit einer Situation von vor vielleicht dreißig Jahren, also sagen wir mal mit Schule im Jahr 1996. Da war der Osten gerade relativ frisch umgebrochen. Vielleicht vergleicht Alex auch die heutige Situation mit der Situation vor 1989. Da war eh alles viel besser ... - Entschuldigung für den Sarkasmus. Für Alex ist die Zeit stehen geblieben, die Gesellschaft ist es nicht. Für Alex gilt das, was in mordernen Schulen als "für den Schuldienst ungeeignet" gezählt wird. Eine Lehrerin, die erwartet, dass eine Klasse und innerhalb der Klasse jeder einzelne Schüler, jede Schülerin mehr oder weniger vollständig den vorgesetzten Stoff auffuttert und in Klassenarbeiten und mündlichen Beiträgen wieder auskotzt. Als Fortschritt wertet Alex, dass heute keine Schlüsselbunde mehr geworfen würden. Moderne Erkenntnisse aus Hirnforschung, Lernforschung und Pädagogik sind ihr nicht nur fremd, sie lehnt diese Ergebnisse vollständig ab. Es zählt nur, was auf dem Papier Autorität hat. Alex macht einen weiteren Denkfehler. Nicht nur, dass die Welt heute anders ist als vor dreißig Jahren. Sie wird auch in dreißig Jahren wieder anders sein. Kein Lehrer, keine Lehrerin, kein Forscher, kein Schulsystem kann heute voraussagen, welche Skills von den Menschen in dreißig Jahren verlang wird. Fakt ist: abfragbares Wissen wird es nicht sein. Das ist heute schon Vergangenheit. Meiner Einschätzung nach sollte Alex zwingend eine Fortbildung machen müssen. Anders ausgedrückt: solche Lehrkräfte sind eine Gefahr für die Volksgesundheit.
Chris versucht das Beste aus ihrer Situation zu machen. Chris geht den Fragen auf den Grund und vergleicht ihre eigenen Schulunterlagen mit den heutigen Anforderungen und kommt zu anderen Schlüsseln. Chris sieht den Beruf als Berufung für Schülerinnen und Schüler da zu sein. Chris ist in einer konventionellen Schule eigentlich fehl am Platz. Chris kann sein/ihr Potential gar nicht zur Geltung bringen. Und Chris stellt sich auch der Diskussion mit sachlichen Argumenten. Ich habe dieser Diskussion mit großem Erstaunen zugehört. Dass die Positionen innerhalb des Berufsstandes auch in der Diskussion miteinander so weit auseinander gehen, das war mir nicht klar.
Ich wollte euch davon erzählen. Es ist der Alltag an deutschen Schulen.