23. Juli 2026

Bildungsprotest in Schwerin - 1 Jahr später

Im Mai 2025 gab es einen Bildungsprotest von Schülerinnen und Schülern in Schwerin. Ich war dort. Ich berichtete darüber.

Die Initiatoren ziehen nun Bilanz. Die Ostsee-Zeitung berichtet hinter einer Paywall.

Nicht sehr überraschend, dass die Bilanz ernüchternd ausfällt.

Die Politik rund um Frau Simone Oldenburg rühmt sich mit großartigen Erfolgen.

Von der Abschaffung des Frontalunterrichts hält das Bildungsministerium von Simone Oldenburg (Linke) nichts. „Der Frontalunterricht ist eine von vielen Lernformen. Daneben gibt es das Lernen in der Gruppe, Projektarbeit oder selbstständiges Lernen. All das findet in unseren Schulen auch statt“, teilt Sprecher Henning Lispki mit. In der Schulkonferenz könnten Schüler ihre Ideen zu Schulentwicklung und Schulprogrammarbeit einbringen.

Man muss dieses Verhalten von Politikerinnen und Politikern erbärmlich nennen. Da sind engagierte Schülerinnen und Schüler, die ganz klar die Missstände an den Schulen benennen, die Lösungsansätze erforschen und dazu beitragen. Es sind unmittelbar von den Missständen betroffene Menschen. Was macht die Politik? Schönreden, ignorieren, hinhalten. Es ging mir schon damals auf dem Marktplatz in Schwerin so: es hat sich so richtig eklig angefühlt, was Politikerinnen und Politiker beigetragen haben.

Man muss sich das wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da sind junge Menschen, die einen großen Teil ihrer Freizeit opfern, um das Bildungssystem in MV zu verbessern. Sie arbeiten sich durch einen Dschungel an behördlichen Vorgaben, Gesetzestexten, Zuständigkeiten. Sie treffen auf Wiederstände und auf Ablehnung und machen trotzdem weiter. Und dann lehnen sich die Volksvertreter jovial auf ihren Sesseln zurück und sagen: was habt ihr denn eigentlich, es ist doch alles wunderbar.

Liebe Frau Oldenburg, liebe Damen und Herren Politikerinnen und Politiker. So geht das nicht! Die Gesellschaft ist das Abbild dessen, was ihr im Bildungssystem veranstaltet. Die Schulen mit ihren ganzen Problemen, verdreckten Toiletten, überarbeiteten und ausgebrannten Lehrkräften, Personalmangel, psychisch belasteten Schülern, Mobbing, Schulabbrechern und durchgefallenen Abiturienten sind in eurer Zuständigkeit. Es ist eure Aufgabe. Ihr werdet von Steuergeldern dafür bezahlt. Ihr werdet nicht für die Verwaltung des Mangels bezahlt. Ihr werdet bezahlt, dass ihr etwas tut. Nun zeigen euch die jungen Menschen sehr klar und deutlich, was das System verbessern würde. Ihr tut genau gar nichts. Das ist erbärmlich.

Die Schülerinnen und Schüler organisieren nun eine Wählerberatung für die Landtagswahl 2026. Das ist nett gemeint. Wird allerdings genau nichts bewirken. Es gibt keine einzige Partei, die sich klar zu einer Verbesserung des Bildungssystems bekennt - wenn man von Lippenbekenntnissen absieht. Ja, die Wahl wäre eine Chance. Momentan sieht es eher nicht danach aus. Die demokratischen Kräfte haben Angst wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie versuchen mit rechtslastigen Programmen Wählerstimmen zu fangen. Die Stimmung kippt eher in Richtung Disaster. Das kaputte Schulsystem hat einen nicht unerheblichen Anteil daran. Schülerinnen und Schüler, die systematisch bedroht und diskriminiert werden, denen jegliche Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung genommen wird, sind schwerlich in der Lage demokratische Werte zu leben. Das ist schade.

Noch wäre Zeit. Bis zur Wahl sind es knapp zwei Monate. Warum, so frage ich mich, setzen sich die Politikerinnen und Politiker nicht an einen Tisch mit den jungen Menschen und schöpfen das volle Potential für die Wahl aus? Warum sagen sie nicht: Mecklenburg-Vorpommern wird jetzt das Bildungs-Vorzeigeland? Hausaufgaben werden abgeschafft, bis zum Jahr 2030 wird es keinen Frontalunterricht mehr in MV geben? Noten werden sukzessive abgeschafft? Kein Schüler muss sitzenbleiben? Wir, Politiker und Schülerinnen und Schüler ziehen an einem Strang? usw. usw.

Schule geht besser.